Angela Merkel liest im Kieler Schloss
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Gestern Abend war es soweit und Angela Merkel besuchte das Konzerthaus am Schloss, um dort aus ihrem Buch "Freiheit" zu lesen. Am Nachmittag hatte sie zuvor in der Buchhandlung "Zapata" am Wilhelmplatz eine Signierstunde veranstaltet, bei der sich die anwesenden Menschen eine Signatur in ihr Buch schreiben lassen konnten.
Über das politische Wirken von Menschen lässt sich streiten, und ich möchte hier auch keine Einordnung ihrer Arbeit vornehmen. Aber eines kann man sicher sagen: Sie hat meine Generation und wahrscheinlich auch darüber hinaus insofern geprägt, dass wir unter ihr als Kanzlerin groß geworden sind. Egal, ob es um die Fußball-WM, Corona oder die Finanzkrise in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft ging. Sie war mehr oder weniger immer präsent und da.
Umso gespannter war ich auf die Lesung. Merkwürdig, sich im Vorhinein vorzustellen, dass die Frau, die über 16 Jahre das Land als Kanzlerin in der Welt repräsentiert hat, nun hier liest. Tobias Scharfenberger, Leiter des Konzerthauses, und Britta Lange vom Literaturhaus SH gaben eine kurze Einleitung vor der Lesung. Beide betonten die Wichtigkeit von Orten der Begegnung und der Bildung, um die Menschen untereinander zu verbinden. Gerade in Zeiten wie heute sei dies besonders wichtig, wie die beiden unter Applaus betonten.
Anschließend kam Frau Dr. Angela Merkel auf die Bühne, ihrem Kleidungsstil treu, in einem blauen Hosenanzug mit dunklen Knöpfen. Und sofort war Ruhe im Saal. Sie freue sich, im Norden zu sein, und empfinde das wiedereröffnete Konzerthaus am Schloss als ähnlich schön wie die Berliner Philharmonie. Und auch nach der Ostseehalle – ob es diese noch gebe – habe sie sich im Vorhinein erkundigt. Gelächter war die Folge, und alle Menschen aus Kiel haben diese Andeutung verstanden, so wurde die ehemalige Wunderino Arena gerade erst wieder in Merkur Ostseehalle umbenannt.
Gegliedert hat sie den Abend mit Ausschnitten aus fünf Kapiteln ihres Buches, sodass sie aus den jeweiligen Episoden ihres Lebens Einblicke gegeben hat. Wer keine Lust habe, die 700 Seiten ihres Buches zu lesen, könne ja auch einfach die 23-Stunden-Fassung des Hörbuchs genießen. Auch hier ging wieder ein Lachen durch den Raum.
Und so las sie etwa 90 Minuten aus ihrem Buch. Sie gab Einblicke in ihre Kindheit in der DDR, wie sie mit dem Kastanienhof, einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen, einen ihrer Lieblingsorte fand. Wie sie durch das Ernten und den Verkauf von Blaubeeren die Abstrusität des Wirtschaftssystems der DDR verstand und wie sie kurz vor ihrem Abitur in der 12. Klasse durch eine Befragung durch die Stasi fast durch ihre Abschlussprüfungen gefallen wäre. Über den Mauerfall und ihre Ernennung zur Ministerin für "irgendwas mit Frauen", wie es ein Parteigenosse zu ihr gesagt habe.
Und über den Moment, an dem sie erstmals zur designierten Kanzlerin gewählt wurde und in einem Fernsehstudio nach der Hochrechnung der Bundestagswahl 2005 auf Gerhard Schröder traf. Wie er dort selbstsicher trotz der eigenen Wahlniederlage auftrat. Einem Mann gegenüber wäre er wahrscheinlich so nie aufgetreten, so ihr Fazit. Auch über Donald Trump, der ihr ganz offensichtlich sehr, sehr gut in Erinnerung geblieben ist, verliert sie kein gutes Wort: Sähe er die Länder doch nicht in der Verantwortung, sich untereinander zu helfen, sondern eher wie in einem Wettbewerb, gegeneinander wirtschaftlich anzutreten.
Zum Abschied bekam sie von Britta Lange ein Buch von Siegfried Lenz, einem Schriftsteller, der 2014 in Hamburg verstorben ist, geschenkt. Sie freue sich, bald wieder einmal in den hohen Norden zu kommen und verließ unter großen Applaus den Raum.
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