Virtuelles Mahnmal von Benno Elkan als Mahnung gegen den Krieg

Wie könnte Erinnerung in Zukunft aussehen? Welche Chancen bieten digitale Technologien? Die virtuelle Pop-up-Ausstellung des Augmented-Reality-Kunstwerks "Benno Elkan AR" ermöglicht es, während der Kieler Woche und vor allem während der Digitalen Woche Kiel ein Beispiel für Erinnerungskultur 4.0 kennenzulernen.

Augmented-Reality-Kunstwerk "Benno Elkan AR", Pressefoto
Augmented-Reality-Kunstwerk "Benno Elkan AR", Pressefoto
Wann? bis zum 19. September 2021, dienstags bis sonntags von 13.00 bis 18.00 Uhr (außer bei Regen)
Wo? vor dem Eingang zum Kieler Schifffahrtsmuseum Fischhalle
Eintritt: frei

Mit bloßem Auge ist nichts zu sehen, aber Smartphone oder Tablet zeigen das digitale Kunstwerk in einer Größe von 9 x 3 x 3 Metern eingesetzt in die Realität vor dem Eingang zum Kieler Schifffahrtsmuseum Fischhalle, Wall 65. So ist das virtuelle Mahnmal gegen den Krieg des Künstlers Benno Elkan bis zum Ende der Digitalen Woche am 19. September 2021 dienstags bis sonntags von 13.00 bis 18.00 Uhr – außer bei Regen – zu sehen, aber nicht zu fühlen. Interessierte sollten sich vorher die kostenlose App unter www.benno-elkan.de/get-the-app herunterladen.

Wer nicht mit dem eigenen Smartphone oder Tablet vorbeikommt, erhält Unterstützung von Betreuern mit Tablet. Eine kleinere Variante des Mahnmals können alle Besucher mit dem Faltblatt nach Hause nehmen und dort nochmals betrachten.

Das Mahnmal für die Toten des Kriegs ist nicht nur deshalb einzigartig, weil es nur mit Hilfe digitaler Technik sichtbar wird. Im Original hat es das Mahnmal nie gegeben. Umgesetzt wurde ein knapp 60 Jahre alter Entwurf, den der jüdische Medailleur und Bildhauer Benno Elkan (1877–1960) selbst nie umsetzte. Die Initiative zu diesem einzigartigen Projekt an der Förde stammt aus Kiels Partnerstadt San Francisco, wo eine Enkelin des Künstlers lebt.

Das bewegte Leben des jüdischen Künstlers Benno Elkan

Benno Elkan wurde 1877 in Dortmund als Sohn des Schneidermeisters Salomon Elkan geboren. Er besucht das Dortmunder Stadtgymnasium, gründete den ersten Dortmunder Fußballverein und später während seines Studiums den FC Bayern München mit. Seine ersten Aufträge waren Grabmale, die noch heute auf dem Dortmunder Ostfriedhof zu sehen sind. Elkan lebte und arbeitete in Paris und Rom sowie in Frankfurt/Main, wo er das großstädtische Kulturleben in den 1920er Jahren entscheidend prägte.

1934 emigrierte Benno Elkan – als Jude von den Nazis mit Berufsverbot ausgeschlossen – nach London und schuf dort unter anderem Medaillen, Porträtbüsten und Leuchter für Kirchen wie die Westminster Abbey. In diesen Jahren entwickelte er seine Idee, einen großen siebenarmigen Leuchter, eine Menorah-Skulptur, zu erschaffen – sein Lebenswerk. Der Leuchter wurde 1956 als Geschenk Großbritanniens an das israelische Parlament übergeben und steht noch heute vor der Knesset in Jerusalem. Am 10. Januar 1960 starb Benno Elkan in London.

Zwei kreative Prozesse, ein virtuelles Mahnmal

Kurz vor Elkans Tod entstand 1959 am Ende eines langen kreativen Prozesses das Gips-Modell eines Mahnmals für die Toten des Krieges. Die Idee dazu war Benno Elkan schon während des 2. Weltkriegs gekommen, als er selbst Opfer deutscher Bombenangriffe geworden war, die sein Haus in London zerstört hatten. Mit Unterbrechungen arbeitete er daran über ein Jahrzehnt. Das Mahnmal wurde aber nicht verwirklicht, weder in Frankfurt 1954 noch in Dortmund 1959. Nach Benno Elkans Tod am 1960 gehörte das Modell zu seinem unverkäuflichen Nachlass und gilt heute als verschollen. Mehr dazu steht unter www.benno-elkan.de/#projekt

2016 standen am Anfang eines zweiten kreativen Prozesses, diesmal IT-gestützt, sieben Schwarz-Weiß-Fotos dieses Modells: ohne Maßstäbe, ohne technische Angaben, mit kaum unterschiedlichen Perspektiven. Auf Initiative der bei San Francisco lebenden Enkelin Beryn Hammil entstand die virtuelle Umsetzung, die Anfang 2020 im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte sowie hinter dem Dortmunder U im Außenbereich ausgestellt wurde.

Augmented-Reality-Mahnmal und moderne Erinnerungskultur

In Kiel wird nun erstmals eine mobile Variante des Mahnmals "BennoElkanAR" der Öffentlichkeit vorgestellt. An diesem Beispiel werden die Chancen virtueller Erinnerungskultur erlebbar gemacht. Die Präsentation erfolgt auf Anregung des Bündnisses gegen Antisemitismus Kiel, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. und der Virtual Memory Initiative und ist gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" (www.demokratie-leben.de)

Vorgestellt wurde das Augmented-Reality-Kunstwerk am Kieler Schifffahrtsmuseum von Annette Wiese-Krukowska, städtische Referentin für Kultur und Kreative Stadt, Dr. Johannes Rosenplänter, Leiter des Stadtarchivs und Stadtmuseums, Pastor i.R. Joachim Liß-Walter, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, und Rolf Fischer, Vorsitzender der Gesellschaft für Stadtgeschichte. Wiese-Kukowska betonte: "Dieses anschauliche Projekt zeigt, dass es viele Wege gibt, historische Ereignisse erlebbar zu machen und damit im öffentlichen Gedächtnis zu bewahren."

Das Projekt demonstriert aber auch, die technologischen Möglichkeiten von Virtual Reality und Augmented Reality. Das Mahnmal gegen den Krieg wird zu einem Erlebnis nicht nur für die Generation Smartphone. Es ist zudem ein Einstieg in die Erinnerungskultur 4.0 in Kiel.

Für Joachim Liß-Walter ist das Augmented-Reality-Mahnmal "ein sehr überzeugendes Beispiel einer zukunftsfähigen Erinnerungsarbeit und hoffentlich ein Pilotprojekt für weitere Gedenkorte, wie etwa am Mahnmal der ehemaligen Synagoge, an dem Visualisierungen der Synagoge aus der Zeit vor 1938 'lebendig' werden könnten."

So sieht es auch Rolf Fischer: "Die Verbindung von Objekt und digitaler Präsentation ist ideal gelungen. Es ist beispielhaft, vorbildlich und motivierend, wenn es darum geht, auch in Kiel wichtige Erinnerungen digital zu bewahren."

Quelle: Landeshauptstadt Kiel

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