"Made in Kiel" – Ausstellung im Warleberger Hof

Wie hat sich das produzierende Gewerbe in Kiel von der Nachkriegszeit bis in das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends entwickelt? Diese Frage steht im Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung "Made in Kiel" des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums. Zu sehen ist sie vom 7. November 2021 bis 3. April 2022 im Stadtmuseum Warleberger Hof.

"Made in Kiel" Verpackungsabteilung der Firma Nordland, © Friedrich Magnussen
"Made in Kiel" Verpackungsabteilung der Firma Nordland, © Friedrich Magnussen
Wann? bis 3. April 2022
Wo? Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Warleberger Hof
Eintritt: frei

In der Ausstellung präsentiert das Museum seine industriehistorische Sammlung mit ausgewählten Exponaten. Gezeigt werden Sachdokumente zu Kieler Firmengeschichten, ergänzt um ausgewählte historische Fotos. Zusätzlich bietet sie Hands-on-Stationen, die zum Mitmachen einladen.

Die Bandbreite der ausgewählten Kieler Firmen reicht von kleineren Manufakturen bis zu großen, bekannten und teils noch heute in Kiel ansässigen Industriebetrieben wie Elac, Hagenuk und den Kieler Werften. Auf diese Weise wird die Vielfalt des produzierenden Gewerbes in der Stadt gezeigt.

Das umfangreiche Begleitprogramm bietet besondere Führungen, Vorträge und Filmabende. Kinder können in Workshops die Geschichte des Zuckers erkunden. Für Schulklassen gibt es Sonderführungen, die die veränderte Rolle der Frau im Zuge der Industrialisierung beleuchten.

Kuratiert hat die Ausstellung Karoline Liebler, die seit 2019 als Volontärin am Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum arbeitet. Sie hat Geschichte und Europäische Ethnologie studiert und präsentiert mit "Made in Kiel" das Abschlussprojekt ihres Volontariats.

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Vom Neuanfang zum Wirtschaftswunder

Beginnend mit dem Aufbau der Friedensindustrie, die den wirtschaftlichen Neuanfang Kiels nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 markiert, wird im ersten Ausstellungsraum der Blick darauf gerichtet, wie sich die Kieler Industrie in den Nachkriegsjahren in ihren Betätigungsfeldern umstellte.

Das Potsdamer Abkommen der Siegermächte vom 2. August 1945 sah nicht nur ein Verbot des Schiffbaus, sondern auch die Demontage der Werften vor. Kiel musste sich wirtschaftlich von der einseitigen Ausrichtung auf den Schiffbau auf eine Massengüterindustrie umstellen. Hiervon hing auch das wirtschaftliche Überleben der Stadt ab.

Den Vorgaben der Alliierten folgend, verlagerte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt auf Leichtindustrien wie Apparatebau, Feinmechanik und Textilproduktion. Anhand einer Strickmaschine der Kieler Firma Hertel & Richter und der Geschichte des Strumpfherstellers Tilly werden die Textilproduktion der Wiederaufbauzeit und ihre Zuliefererindustrie thematisiert.

Im zweiten Raum wird die Wirtschaftswunderzeit der 1950er und 1960er Jahre am Beispiel von zwei Branchen in den Fokus gerückt: der in diesem Zeitraum wichtigen Lebensmittelbranche und der wiederauflebenden Werftindustrie mit ihrer Zuliefererbranche, der Feinmechanik.

Lebensmittel spielten eine zentrale Rolle in den Wirtschaftswunderjahren. Ging es zunächst noch darum, Grundnahrungsmittel in ausreichenden Mengen herzustellen, änderte sich dies im Lauf der 1950er Jahre. Lebensmittel wurden günstiger, das Lohnniveau stieg und es kam zu Nachholeffekten nach den kriegsbedingten Jahren des Mangels: Die "Fresswelle" begann.

Ein Nahrungsmittel, das für diese Zeit prägend war und das in Kiel auf industrielle Weise verarbeitet wurde, war Fisch. Große Firmen der Branche waren Nordland und Holdorf & Richter. In diese Zeit fällt auch der steigende Konsum von Genussmitteln. Alkoholika wurden zum Lifestyleprodukt, wie der Aufstieg der Kieler Spirituosenfabrik Fritz Lehment verdeutlicht.

Nach den Beschränkungen der Nachkriegsjahre lockerten die Alliierten die Bestimmungen in den späten 1940er Jahren, sodass der Schiffbau wiederaufgenommen werden konnte und die Kieler Werften in den folgenden Jahrzehnten einen Boom erlebten. Die Howaldtswerke auf dem Kieler Ostufer begannen zunächst mit Reparaturaufträgen, um dann ab den 1950er Jahren auch wieder Neubauten auf der Werft anzufertigen. Von der breiten Spanne unterschiedlicher Schiffstypen zeugen Schiffsmodelle und historische Fotos der Werft.

Mit der Wiederaufnahme der Werftindustrie erlebte auch die feinmechanische Industrie in Kiel einen Umbauprozess: Mussten sich Firmen wie Elac, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nautische Instrumente entwickelt und hergestellt hatten, zunächst andere Betätigungsfelder suchen, konnten sie nun in das gewohnte Geschäftsfeld zurückkehren. Bei Elac blieb eine Sparte, die in der Nachkriegszeit aufgebaut wurde, auch für die nächsten Jahrzehnte erfolgreich: Seit 1948 stellte man Unterhaltungselektronik her, insbesondere Schallplattenspieler, und wurde damit international konkurrenzfähig.

Strukturwandel und neuere Entwicklungen

Die anschließenden wirtschaftlichen Entwicklungen des Strukturwandels der 1970er und 1980er Jahre finden im dritten Raum ihren Platz. Auch dort wird die Entwicklung im Lebensmittelbereich weiterverfolgt. Die 1874 gegründete Süßwarenmanufaktur H. J. Pinn stellte angesichts der standardisierten Massenproduktion in den 1980er Jahren ihren Betrieb ein und gab im Zuge der Geschäftsaufgabe ihre Produktionsmittel an das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum ab.

Auch die Brauereien, vertreten durch die Firmen "Zur Eiche" und die Holsten-Brauerei, werden in diesem Raum thematisiert. Ein weiteres Beispiel für strukturellen Wandel ist der Glühlampenhersteller Plechati, der sich in den Jahren des Wirtschaftswunders etablieren konnte – ab den 1970er Jahren jedoch auf Grund der zunehmenden europäischen Arbeitsteilung seine Produktion umstrukturierte und 1990 schließlich den Betrieb aufgeben musste. Gezeigt werden hier einige Maschinen der Firma sowie die Bestandteile von Glühlampen, die den Fertigungsprozess nachvollziehbar machen.

Links: Glaskolben aus der Glühlampenproduktion der Firma Plechati; Rechts: Plattenspieler Mirastar W16 V der Firma Elac. © Matthias Friedemann
Links: Glaskolben aus der Glühlampenproduktion der Firma Plechati; Rechts: Plattenspieler Mirastar W16 V der Firma Elac. © Matthias Friedemann

Abgeschlossen wird die Ausstellung mit einem Blick auf die Umbrüche um die Jahrtausendwende. Im vierten Raum werden dazu die Entwicklungen des Telefonherstellers Hagenuk und der Lindenau Werft aufgezeigt. Die weitere Öffnung des internationalen Marktes nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und die brancheninternen Entwicklungen um 1990 bedingten, dass sich Hagenuk neu aufstellen und gegen eine größere Zahl an Mitbewerbern durchsetzen musste. Gleichzeitig entwickelte sich die Technologie weiter. Mobiltelefone wurden eingeführt und auf diesem Feld konnte die Firma sich letztlich nicht behaupten. In der Ausstellung werden Telefone von Hagenuk aus den verschiedenen Jahrzehnten bis in die frühen 2000er Jahre gezeigt und so die technische Weiterentwicklung dokumentiert.

Schließlich wird auch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 und ihre Auswirkungen auf Firmen vor Ort thematisiert. Die Kieler Lindenau Werft – eine Ansiedlung der Nachkriegszeit, die sich durch innovative Entwicklungen international einen Namen machte und mit ihren Doppelhüllentankern Standards setzte – kam im Zuge der durch die Krise ausgelösten Rezession in finanzielle Bedrängnis.

Zum Abschluss wird erlebbar, wie industriehistorische Objekte in den Bestand des Stadt- und Schifffahrtsmuseums gelangt sind und welche Funktion sie bis heute haben. Hier wird die Geschichte des in den 1980er Jahren geplanten Museums für Industrie- und Alltagskultur thematisiert, das nie realisiert wurde.

Ergänzt wird die Objektschau durch Mitmachstationen, an denen die Besucher*innen Tätigkeiten, die in Kieler Betrieben ausgeführt wurden, nachempfinden können. Beide Einheiten verdeutlichen die monotonen Handgriffe, die die Arbeiter*innen in ihren Schichten ausführten. Alle Stationen wurden in Zusammenarbeit mit der Firma Raumstation aus Kiel entwickelt und von ihr umgesetzt.

Quelle: Landeshauptstadt Kiel

Ortsinformationen

Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof
Dänische Straße 19
24103 Kiel
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