Schienenmobilität im ländlichen Raum in Schleswig-Holstein

Kieler Forscher entwickeln ein revolutionäres Leichtbauschienenfahrzeug für den ländlichen Raum, um dort langfristig den öffentlichen Personennahverkehr ausbauen zu können. Das Projekt Reaktivator denkt Fahrzeugkonzept, Betriebslogik und Nutzerführung völlig neu. Bis 2028 entstehen zwei energieeffiziente Prototypen auf der Teststrecke Malente–Lütjenburg, auf der sonst Drasinen fahren.

Die drei Professoren, die an dem Projekt beteiligt sind, vor einer weißen Maschine
Prof. Dr. Detlef Rhein (Muthesius), Prof. Dr.-Ing. Henning Strauß (HAW Kiel) und Prof. Dr. Reinhard von Hanxleden (CAU) wollen die Zukunft des Bahnverkehrs im ländlichen Raum neu erfinden, © Leander Freese/HAW Kiel

Kooperation der drei Kieler Hochschulen

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt fördert das Projekt mit 741.000 Euro über zwei Jahre. Unter Federführung der HAW Kiel arbeiten die drei Kieler Hochschulen zusammen: die Christian-Albrechts-Universität, die Muthesius Kunsthochschule und die HAW selbst. Gemeinsam entwickeln sie zwei Leichtbauschienenfahrzeuge auf einer skalierbaren, modularen Antriebsplattform, die offen für verschiedene Funktionsmodule und perspektivisch für autonomen Betrieb ist.

Projektleiter Prof. Dr.-Ing. Henning Strauß erklärt das ambitionierte Ziel: "Wir betreten Neuland. Unsere Schienenfahrzeuge sollen leicht sein. Zielgewicht sind ca. 3,5 Tonnen." Um dieses Gewicht zu erreichen, setzen die Entwickler auf Leichtbauwerkstoffe wie Carbon und verzichten bewusst auf energieintensive Komfortelemente wie Klimaanlagen. Die Fahrzeuge bieten Platz für vier bis sechs Personen und erreichen eine Maximalgeschwindigkeit von etwa 20 km/h.

Wie funktioniert der Begegnungsverkehr?

Ein Kernproblem eingleisiger Strecken wird durch ein innovatives Betriebskonzept gelöst: Statt an Ausweichstellen zu warten, können Passagiere direkt von Fahrzeug zu Fahrzeug über die Stirnseiten wechseln. Ohne Bahnsteige und ohne lange Wartezeiten. Dieser Umstieg funktioniert auch im On-Demand-Betrieb. Trotz der moderaten Geschwindigkeit soll durch hohe Verfügbarkeit und kurze Gesamtreisezeiten ein attraktives Mobilitätsangebot entstehen.

Die Fahrzeuge entstehen am Institut für Produktionstechnik und CIMTT der HAW Kiel, in direkter Nähe zum Studierendenrennteam "Raceyard". Prof. Strauß, der vor seiner Berufung bei der DB Fahrzeuginstandhaltung tätig war, nutzt gezielt das Know-how aus dem studentischen Rennsport. Prof. Dr.-Ing. Ulf Schümann vom Institut für Elektrische Energietechnik verantwortet die Auslegung des Antriebsstranges mit Leistungselektronik und Akku.

Welche Rolle spielt die Nutzerführung?

Industriedesign und nutzerzentrierte Gestaltung werden von Beginn an in den technischen Entwicklungsprozess eingebunden. Prof. Detlef Rhein von der Muthesius Kunsthochschule entwickelt ein selbsterklärendes Produktdesign, das Fahrzeugwechselprozesse intuitiv erfahrbar macht. Das Fahrzeug soll auch ohne besonders geschultes Bordpersonal auskommen. Ergänzt wird dies durch digitale Schnittstellen wie eine App zur Bestellung des Fahrzeuges.

Prof. Dr. Reinhard von Hanxleden von der CAU bringt seine Expertise im Entwurf sicherheitskritischer Systeme ein. Dazu gehören die On-Demand-Steuerung und Fernsteuerung, bei denen gemeinsam mit der UC Berkeley entwickelte Programmierwerkzeuge zum Einsatz kommen. Ein besonders innovatives Konzept ermöglicht es Fahrgästen, nach kurzer Einweisung selbst ein Reaktivator-Fahrzeug zu steuern, ähnlich wie beim Car-Sharing. "Dabei greifen wir auf unsere mit dem Reaktor-Versuchsträger gesammelten Erfahrungen zurück", erklärt von Hanxleden.

Testfahrten auf der Strecke Malente - Lütjenburg

Das Fahrzeug wird als fahrender Demonstrator auf der reaktivierten Strecke Malente–Lütjenburg erprobt und über den Förderzeitraum hinaus erlebbar gemacht. Am 8. Juli 2026 hat die Landeseisenbahnaufsicht Schleswig-Holstein eine erfolgreiche Abnahmefahrt durchgeführt. Der Abschnitt von Lütjenburg bis zum Haltepunkt Flehm ist nun auch für Fahrten mit dem Schienenbus freigegeben.

Kernelement des Konzepts ist die strikte Trennung zweier Betriebsmodi: Im "Forschungsmodus" steht die Strecke der REAKT Innovationscommunity für Testfahrten zur Verfügung, im "Eisenbahnmodus" verkehrt der MAN-Schienenbus VT 23 als touristisches Angebot. Beide Modi schließen sich zu jedem Zeitpunkt vollständig aus. Dieser duale Charakter einer Strecke ist in dieser Form einzigartig und bietet hochinteressante Forschungsmöglichkeiten.

Ausgearbeitet wurde das Betriebskonzept durch die Eisenbahnbetriebsleiter Christian Bünger vom Verein Historische Eisenbahn Holsteinische Schweiz und Ingo Dewald von der eisenbahn.jetzt GmbH. Die eisenbahn.jetzt GmbH zeichnet sich für die Betriebsleitung der Bahnstrecke verantwortlich und koordiniert auch den Forschungsbetrieb. Sven Ratjens vom operativen Management, und gleichzeitig auch Besitzer der Bahnstrecke, betont die "sehr gute und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit den beteiligten Aufsichtsbehörden".

Was passiert nach dem Projektende?

Das Ergebnis ist kein abgeschlossenes Endprodukt, sondern eine offene Plattform für weitere Forschung. Nach Projektende bleibt je ein Fahrzeug an der HAW Kiel und an der CAU. Über offene Schnittstellen sollen beide Fahrzeuge Synergieeffekte mit weiteren Projekten ermöglichen, etwa zu autonomem Betrieb, neuartigen Antriebskonzepten oder Fahrgastinteraktionssystemen. Die REAKT Innovationsinitiative nutzt die Strecke bereits seit mehreren Jahren für Forschungszwecke.

Prof. Rhein von der Muthesius Kunsthochschule fasst zusammen: "Wir arbeiten daran, für die schienengebundene Mobilität im ländlichen Raum eine technologisch innovative und für die Menschen attraktive Perspektive zu entwickeln, die sich von bestehenden Lösungen deutlich abhebt." Das Reallabor zwischen Bad Malente und Lütjenburg bildet hierfür die ideale Tragfläche und man kann gespannt sein, was die Ergebnisse in den kommenden Jahren sein werden.

Seid ihr neugierig auf weitere innovative Mobilitätsprojekte aus dem Norden? Wir von kiel-magazin.de halten euch über spannende Entwicklungen auf dem Laufenden.

Quelle:  HAW Kiel